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Warum ist uns eine Orange weit voraus?

by Nuno F. Assis on 26. Juli 2008

Herzlich Willkommen. Schön, dass Sie uns wieder besuchen!

Liebe Leserin, Lieber Leser,

es ist schon eine Weile her seit der letzten Frage der Woche und die letzten Wochen waren sehr turbulent und ereignisreich. Es gibt viele Dinge, über die ich Ihnen gerne berichten möchte wie z.B. den Umzug unserer Server, den neuen Re-Launch unserer Webseite www.assis.de usw. und ich möchte Sie an meinen Lehren und Erkenntnissen aus dieser Zeit teilhaben lassen.

Beginnen möchte ich heute mit einer Lehre, die ich schon vor langer Zeit gelernt habe und von der ich dachte, dass ich sie gelernt habe.  Gemerkt habe ich sie mir, jedoch ist sie im Laufe der Zeit in Vergessenheit geraten und die Ereignisse der letzten Tage und Wochen haben sie mir noch einmal klar und deutlich vor Augen geführt.

Damit Sie die Bedeutung der Lehre verstehen, werde ich ein kleines bisschen ausholen  und Ihnen das Verantwortungskonzept, welches ich bereits in einer anderen Frage der Woche ausführlich behandelt habe, kurz erklären. Deshalb beginne ich mit einer ungewöhnlich anmutenden Frage: Warum ist uns eine Orange weit voraus?Verantwortung

„Herr Assis, was ist denn das für eine Frage?”

Nun ich kann verstehen, dass Sie so reagieren, aber geben Sie sich selbst die Zeit einen Moment darüber nachzudenken. Also

Warum ist uns eine Orange weit voraus?

Eine interessante Frage, den wieso sollte eine Frucht uns voraus sein? Nun ich meine in ihrem Verhalten bzw. in Ihren Reaktionen. Eine Idee?

Schauen wir uns einmal eine Orange an. Was passiert wenn Sie eine Orange auspressen? Was kommt aus der Orange raus? Richtig. Orangensaft.

Verantwortung in Form von OrangensaftUnd was passiert wenn Sie eine Orange auf den Boden legen und mit dem Fuß darauf treten? Was kommt aus der Orange raus? Richtig. Wieder Orangensaft und Fruchtfleisch.

Und was passiert wenn Sie eine Orange mit voller Wucht gegen eine Wand werfen? Was kommt dann aus der Orange raus? Richtig. Wiederum Orangensaft.

Wir könnten nun unzählige dieser Beispiele wählen und vor bringen, aber ich glaube Ihnen ist klar geworden worauf ich hinaus möchte und wir können übereinkommen, in dem wir sagen:

Egal was Sie mit einer Orange anstellen, es kommt immer Orangensaft raus. Oder in anderem Worten ausgedrückt:

„Eine Orange reagiert immer mit dem was in ihr ist.”

Richtig?

Gut. Wieso ist sie uns nun weit voraus?

Nun fragen Sie einmal ob Sie in jeder Situation Ihre Lebens, die Ihnen widerfährt, auch nur mit dem reagieren, dass Sie im Herzen tragen?

Nehmen wir einmal eine Situation aus dem Alltag. Nehmen wir einmal an Sie sind in einer Partnerschaft/Beziehung, vielleicht verlobt oder verheiratet. In der Regel kann man sagen, dass Menschen, die in einer Beziehung/Ehe/Partnerschaft sind, sich lieben und Liebe das Gefühl ist, dass sie füreinander empfinden.

Sollten Sie nicht in einer Beziehung sein, dann nehmen sie jede andere Form menschlicher Beziehung, fragen Sie sich was ist das wesentliche Gefühle, dass ich in Bezug auf diese Beziehung und/oder auf den anderen Menschen empfinde, und stellen Sie sich einmal die folgende Frage:

Reagiere ich, egal wie der/die Andere mir begegnet, was sie/er mir gegenüber tut oder agiert, reagiere ich immer mit dem was ich als wesentliches Gefühl für diese Person empfinde?

Reagieren Sie immer mit dem was Sie in sich haben?

So lange alles harmonisch läuft und der/die Andere so agieren wie Sie es „erwarten” (egal ob bewusst oder unbewusst), ist es sehr wahrscheinlich leicht für Sie mit dem zu reagieren, was Sie in sich haben.

Doch wie sieht es aus, wenn der/die Andere nicht so reagieren, wie Sie es erwarten? Was dann? Wenn Ihre „Erwartungen” sogar enttäuscht werden (unabhängig davon ob Ihre Erwartungen gerechtfertigt sind oder ein Produkt Ihrer eigenen Fantasie/Wunschwelt). Was dann? Wie reagieren Sie dann?

Orange als Beispiel für Verantwortung

Immer noch mit dem was Sie in sich haben?

Immer noch mit dem was Ihr wesentliches Gefühl in Bezug auf die Person und/oder die Beziehung zu diesem Menschen ist?

Die Meisten von uns werden hier wohl eingestehen, dass spätestens in diesen Situationen uns eine Orange, zum Teil, um Längen voraus ist.

Aber ich möchte noch einen Schritt weiter gehen. Diese erste Erkenntnis ist wichtig um die zweite Erkenntnis zu verstehen und die Lehre daraus ziehen zu können.

Das Orangen-Beispiel führt uns gut vor Augen, dass wir öfters über unsere Reaktionen nachdenken sollten und darüber nachdenken sollten, wie wir gerade den Menschen gegenüber reagieren, die wir lieben.

Es zeigt uns, dass wir uns selbst oft viel zu wichtig nehmen und oftmals Dingen eine Bedeutung zu messen, die in 10, 20 oder 30 Jahren in der Zukunft keine oder zu mindest nicht die Bedeutung haben, die wir den Dingen heute geben.

Man kann also sagen, dass die Orange uns lehrt geduldiger zu sein und viel mehr mit Liebe zu reagieren. Sie fordert uns auf friedvoller zu unserer Umgebung zu sein.

Ein sehr interessantes Beispiel für eine solche Entwicklung ist das Leben von Mahatma Ghandi, dem Mann, der Indien ohne Gewalt von den britischen Kolonialherren befreit hat. Lesen Sie seine Biographie und sehen Sie welchen Weg er beschritten hat.

Und damit sind wir direkt bei der ersten Frage, die ich gestellt bekam, als ich dieses Thema vor wenigen Tagen mit einem sehr engen Freund besprochen habe. Der Frage:

Wie weit sollte dieses reagieren mit Orangensaft gehen?

Gibt es ein Limit dafür, wie lange man mit dem reagieren sollte, das man in sich hat?

Dafür ist es nun wichtig, dass wir uns von dem Orangen-Beispiel lösen. Denn im Gegensatz zu einem Menschen, hat eine Orange keine Gefühle in der uns bekannten form.

Schauen wir uns nun einmal an, wie lange man „Orange” sein sollte.

Bevor wir tiefer gehen, möchte ich Ihnen direkt sagen, dass Sie keine messbare Angabe in den folgenden Zeilen finden werden, denn in Bezug darauf ist jeder Mensch anders und jeder Mensch hat andere Werte und Glaubenssätze. Trotzdem möchte ich Ihnen in den nachfolgenden Zeilen eine Antwort darauf geben, in dem ich Ihnen aufzeige was ich von einem meiner Mentoren gelernt habe und welche Lehren ich aus den Ereignissen der letzten Tage für mich gezogen habe.

Nehmen wir also an, Ihr Partner/Ihre Partnerin reagiert wiederholt anders als Sie es erwarten.

Wichtig ist es, dass Sie sich zuerst einmal fragen ob Ihre Erwartungen erfüllbar sind oder ob Ihre Erwartungen unter Umständen gar viel zu hoch für den Anderen sind, so dass dieser gar nicht in der Lage ist Ihre Erwartungen zu erfüllen.

Weiterhin sollten Sie sich die Fragen stellen, ob Sie selbst diese eigenen Erwartungen an den Anderen erfüllen. Es ist relativ schwierig, von jemandem anderen etwas zu erwarten, dass Sie selbst nicht erfüllen. Also überprüfen Sie einmal Ihre eigenen Maßstäbe.

In beiden Fällen ist eine gesunde Selbstreflexion wichtig. Also die Fähigkeit sich selbst und Ihr eigenes Verhalten einmal mit Abstand zu betrachten. Mir selbst hilft dabei es zum einen schriftlich auf Papier zu tun und wie ein außenstehender Beobachter einmal die ganze Situation, die Aktionen und Reaktionen und die Gefühle dazu niederzuschreiben.

Dadurch erreiche ich eine Art emotionale Trennung von der Situation und errieche Abstand zu den Dingen. Etwas das sehr hilfreich ist, wenn man hoch emotionale Situationen auflösen will.

Sollte es jetzt gerade in Ihrem Leben eine solche Situation geben, so fordere ich Sie jetzt dazu auf dies einmal zu tun.

Wenn Sie dies getan haben und zu dem Ergebnis kommen, dass sowohl Ihre Erwartungen gerechtfertigt (ein interessantes Wortspiel zum Nachdenken: ge-RECHT-FERTIG-t – Weshalb müssen Sie sich Ihre Recht fertigen?) sind und Sie feststellen, dass Sie selbst Ihre eigenen Ansprüche/Maßstäbe erfüllen, dann haben Sie zwei Möglichkeiten (und es ist von großer Bedeutung, dass wir in unserem Leben unsere Möglichkeiten erkennen).

Die erste Möglichkeit kann sein, dass Sie Ihre eigenen Erwartungen herunterfahren und auf ein Niveau bringen auf dem der /die Andere in der Lage ist Sie zu erfüllen. Die Frage hierbei ist nur: „Wie lange können Sie das aushalten und wie weit wollen Sie Ihre Erwartungen und sich selbst herunterfahren?”

Oder die zweite Möglichkeit kann sein, dass Sie beschließen Ihre Erwartungen nicht herunterzufahren. Dann haben Sie wiederum zwei Chancen. Entweder Sie beenden die Beziehung, weil Sie nicht glücklich sind, oder Sie versuchen Ihrem Partner/Ihrer Partnerin zu erklären und verständlich zu machen, weshalb diese Erwartungen und deren Erfüllung für Sie so wichtig sind.

Doch was wenn keine der Möglichkeiten greift?

Nun dann kann ich Ihnen eine Lektion wiedergeben, die mir einer meiner Mentoren einmal erteilt hat und die mir seit dem oft geholfen hat bei schwierigen Situationen mit anderen Menschen.

Bevor mein Mentor seinerzeit entschieden hat, ob er mich coachen möchte und ob ich jemand bin, der in seinem engsten Umfeld sich aufhalten kann und dem er vertrauen kann, hat er mich „unter Druck gesetzt”.

Was meine ich damit?

Er hat mich oft in Situationen gebracht, in denen ich einem ungeheuren Druck ausgesetzt war. Sei es ob der Druck von Außen kam oder ob ich mir diesen Druck selbst auferlegt hatte. Bevor er damit begann sich mit mir wirklich auseinanderzusetzen und sich mit mir intensiv zu beschäftigen, wollte er wissen und herausfinden wer ich wirklich war.

Da er ein vielbeschäftigter Mann war und ist, hatte er keine Zeit zu verschwenden und da die Coachingbeziehung, welche ich von ihm haben wollte eine sehr große Nähe zu ihm bedeutete, musste er herausfinden wer ich wirklich war.

Er hat dies im Laufe der Jahre, selbst nachdem ich diese ersten „Tests”, wie ich es nenne, bestanden habe immer mal wieder getan um herauszufinden ob ich immer noch derselbe bin, dem er zu Beginn sein Vertrauen geschenkt hat.

Bevor er begann mich zu coachen, hat er mir damals gesagt:

“Das wahre Gesicht eines Menschen, erkennt man erst wenn dieser Mensch unter Druck gerät.”

Wir alle haben so etwas schon einmal erlebt, dass wir geglaubt haben einen Menschen wirklich zu kennen und das wir ein ganz neues, anderes Gesicht eines Menschen kennengelernt haben, als dieser Mensch in eine Situation geraten ist, in der er/sie unter Druck kam.

Da mein Mentor keine Zeit hatte, bis zu einem solchen Augenblick zu warten, um dann festzustellen, dass ich unter Umständen der Falsche bin dem er sein vertrauen geschenkt hat, hat er mich großem Druck ausgesetzt.

Dieses Verhalten habe ich im Laufe der Jahre oft bei anderen erfolgreichen Menschen beobachten können. Sie haben künstlich Drucksituationen geschaffen um das wahre Gesicht eines Menschen zu entdecken und festzustellen wer dieser Mensch wirklich ist.

Wieso erkläre ich Ihnen das?

Weil ich diese wichtige Lehre vergessen hatte. Ich habe in den letzten Wochen und Monaten selbst erfahren, wie es ist wenn man merkt das jemanden, der einem sehr nahe steht, die eigenen Erwartungen nicht erfüllt, weil er unter Druck steht. Ich habe meine eigenen Erwartungen überprüft und meine Erwartungen herabgesenkt. Gleichzeitig habe ich versucht so viel wie möglich Orange zu sein und diesem Menschen erklärt weshalb mir diese Erwartungen wichtig sind und das es Erwartungen sind, die zu Harmonie und gegenseitigem Respekt führen und diesen aufrechterhalten.

Und da ich so sehr in der Situation gefangen war und so sehr damit beschäftigt war Orange zu sein und diesem Menschen zu helfen und es recht zu machen, habe ich nicht gesehen, dass das Leben mir hilfreich zur Seite stand in dem es den Druck auf diesen Menschen erhöht hat ohne das ich es direkt gesehen habe.

Das Ergebnis?

Das wahre Gesicht dieses Menschen kam zu Vorschein.

Und nun viel es mir leicht  zu erkennen, dass ich einen Punkt erreicht habe, an dem ich tun kann was ich will es bringt nichts. Und ich habe erkannt das ich einem Punkt erreicht habe, an dem ich mich selbst und all das was mir wichtig ist, viel zu weit zurückgefahren habe und viel zu sehr vernachlässigt habe. Eine Erkenntnis, die mir nicht leicht gefallen ist, aber ich musste einsehen:

Egal wie viel Orangensaft ich gebe, es bringt nichts wenn die andere Person keinen Orangensaft will oder mag.

Also habe ich mich an die Worte meines Mentors erinnert und mich von jemandem, der mir sehr nahe stand und der wichtig für mich war, getrennt. Und zwar endgültig. Denn das ist etwas, dass ich auch von meinem Mentor gelernt habe: Once they are out, there is no way back.

Zwar hat er das in Bezug auf Mitarbeiterführung gemeint, aber er sagte mir damals auch das alles was dort wirksam ist auch in jeder Form von zwischenmenschlichen Beziehungen / Partnerschaften / Geschäftsbeziehungen gültig ist.

Und was ist meine Lehre daraus:

 

  • Es ist gut Orange zu sein. Es ist gut anderen Menschen helfen zu wollen und für sie da zu sein wenn Sie dich brauchen. Und ich brauche auch Orangensaft von mir selbst.
  • Kompromisse sind wichtig und hilfreich im Zusammenwirken mit anderen Menschen. Egal ob auf beruflicher oder privater Ebene. Deshalb ist es manchmal hilfreich seine eigenen Erwartungen zurückzuschrauben und diese regelmäßig zu überprüfen. Doch es ist genauso wichtig, wenn nicht sogar wichtiger seine eigenen Werte und die Dinge, die einem wichtig sind niemals zu verraten, in dem man sich selbst so sehr zurück nimmt.
  • Es ist wichtig den Dingen, die  man im Leben gelernt hat Beachtung zu schenken und sie zu berücksichtigen. Und es ist wichtig sich die Freiheit des eigenen Geistes zu bewahren, Anschauungen von gestern auch verwerfen zu können, wenn man heute anderer Ansicht ist.
  • Das Leben ist viel zu spannend, um darüber keine Aufzeichnungen für sich selbst zu führen.

Und bevor ich zu meiner letzten Erkenntnis/Lehre komme, möchte ich Sie dazu ermutigen aus meinen Erfahrungen zu lernen. Sich zu gestatten kritischen Fragen in Bezug auf sich selbst zu stellen und ich möchte sie auffordern über sich selbst und Ihr Leben Aufzeichnungen zu führen.

Und nun zu meiner wichtigsten Erkenntnis aus all dem:

 

  • Auch ich bin nur ein Mensch und das ist schön so.

Ihr Coach

Nuno F. Assis

 

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